Wohin Trauer mit uns geht

Wohin Trauer mit uns geht

Irgendein Tag, in irgendeiner Woche. Ich sitze im Auto und fahre von der Arbeit nach Hause. Im Radio kommt das Lied „Tränen trocknen schnell“ von Rainhard Fendrich. Erst denke ich: „Wow, … schon lange nicht mehr gehört… wie schön.“ Und zack fällt es mir wieder ein. Mein Vater ist gestorben. Am 01.04.2024.

Von einer Sekunde auf die andere ist es wieder da. Dieses Gefühl von Schwere im Herzen.

Kaum ein Gefühl hat mich jemals so sehr aus der Bahn geworfen wie die Trauer über den Verlust meines Vaters. Und sie begleitet mich immer noch. Nicht mehr täglich, nicht mehr so andauernd, nicht mehr so betäubend. Wenn ich es mir erlaube, mich zu erinnern und diese Tür ein wenig aufmache, ist sie sofort wieder da: die Trauer. Heute nimmt sie mir nicht mehr die Luft zum Atmen. Ich erinnere mich sehr gut an die erste Zeit kurz nach dem Tod meines Vaters. An die Intensität dieses unfassbaren und alles in mir lähmenden Schmerzes, den ich nicht kontrollieren konnte und der mich völlig überschwemmt hat.

Mein Vater war sehr lange sehr krank und am Ende war der Tod wohl eine Gnade, der dieses Leid beendet hat. Er hat so sehr gekämpft und auch so lange und musste sich doch geschlagen geben. Die Familie hat ihn jeden Tag begleitet. Und auch das war streckenweise sehr schwierig für alle.

Was hat mir geholfen?

Zeit. Zeit, um meinem Herzen und meinem Verstand die Möglichkeit zu geben, zu verarbeiten was passiert ist und ein Stück weit zu heilen.

Routinen. Tägliche Strukturen. Arbeiten gehen, anderen Menschen begegnen, Aufgaben erledigen. Menschen treffen, die deinen Schmerz nicht teilen und trotzdem erwarten, dass der Alltag weitergeht.

Gemeinsames Erinnern. Es hat mir geholfen, mich mit meinen Geschwistern auszutauschen, Geschichten über ihn zu erzählen und mich gemeinsam mit ihnen an die lustigen und schönen Dinge zu erinnern, die wir erlebt haben.

Professionelle Hilfe. Ja … auch Menschen, die andere begleiten, brauchen manchmal selbst Begleitung. Gerade in Phasen, in denen die Trauer besonders schwer wiegt, kann es hilfreich sein, sich professionelle Unterstützung zu holen. Bei einem Lebens- und Sozialberater findest du einen geschützten Rahmen, in dem deine Trauer Platz haben darf. Einen Ort, an dem du dich dem stellen kannst, was dich bewegt, ohne funktionieren oder stark sein zu müssen. Vielleicht ist es ein stiller Ort, vielleicht ein lauter, vielleicht ein Ort voller Tränen. Ein Ort, an dem du erzählen, schweigen, weinen, wütend sein oder einfach einmal alles herauslassen darfst.

Trauer braucht Raum. Und wie dieser Raum aussehen muss, damit er dir guttut, ist so individuell wie deine Trauer selbst. Manchmal hilft es, Erinnerungen auszusprechen, manchmal geht es darum, Gefühle überhaupt erst wahrzunehmen und zuzulassen. Und manchmal braucht es jemanden, der ein Stück des Weges mitgeht, aushält, was gerade schwer auszuhalten ist, und dabei unterstützt, die eigenen Gedanken und Gefühle besser zu verstehen.

Sich bewusst mit der eigenen Trauer auseinanderzusetzen, bedeutet nicht, den Schmerz künstlich hervorzuholen oder sich zu etwas zu zwingen. Es bedeutet vielmehr, sich selbst die Erlaubnis zu geben, hinzuschauen und dem, was da ist, Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken. Gefühle brauchen manchmal die Möglichkeit, durchlebt zu werden, bevor sich etwas verändern kann. Und manchmal entstehen gerade dort, wo wir unserer Trauer bewusst Raum geben, neue Perspektiven und kleine Schritte nach vorne.

Du musst nicht warten, bis gar nichts mehr geht, um dir Unterstützung zu holen. Manchmal ist es gerade dann wertvoll, wenn du spürst, dass du mit deiner Trauer alleine nicht recht weiterkommst. Und du darfst diese Unterstützung so lange in Anspruch nehmen, wie sie dir guttut und du sie brauchst.

Den Fendrich im Ohr, denke ich, dass Leben und Sterben im Grunde eine herrliche Art von Ambivalenz hat.

Es ist unfassbar traurig, einen Menschen zu verlieren, der einem die Welt bedeutet hat und es ist auch nicht egal, wenn dieser Mensch stirbt und dennoch dreht sich die Erde weiter. Keiner da draußen fühlt, was ich fühle. 8 Milliarden Menschen leben ihre Leben weiter. Kinder werden geboren. Menschen sterben. In China fällt ein Sack Reis um. Erwin fasst der Heid von hinten an die Schulter. Es geht einfach immer alles irgendwie weiter. Und manchmal passiert etwas, dass dich mitten in der Achterbahnfahrt komplett ausbremst. Es fühlt sich an, als würde sich die Welt genauso schnell bewegen wie immer, aber alles was ich sehe, sieht aus wie im Zeitraffer. Alles zu schnell, alles zu laut, alles schmerzhaft. Es ist anstrengend jeden Tag aufzustehen und rauszugehen und weiterzumachen. Es trotzdem getan zu haben, hat mir persönlich geholfen, in kleinen Schritten wieder meinen Weg zu finden. Es ist tröstlich zu wissen, dass es immer weitergeht. Auch wenn der Verlust eines geliebten Menschen furchtbar ist, die Sonne geht jeden Tag aufs Neue auf und an jedem Tag der mir geschenkt ist, habe ich die Chance etwas aus meiner Zeit zu machen.

Heute ist sie immer noch da, die Trauer. Aber der Schmerz macht mich nicht mehr blind und taub.


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